Wettmathematik
Closing Line Value: warum die Schlussquote mehr verrät als der Kontostand
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Ob eine Wette gut war, zeigt das Ergebnis erst nach Hunderten Wetten. Der Vergleich mit der Schlussquote liefert schon nach wenigen Dutzend einen Hinweis. Wie die Kennzahl funktioniert, wie man sie berechnet und wo sie an Grenzen stößt.

Inhalt (10)
- Was die Schlussquote ist
- Warum die Schlussquote als effizientester Preis gilt
- So berechnen Sie den Closing Line Value
- Warum CLV mehr aussagt als kurzfristiger Gewinn
- Beispiel: fünf Wetten, zwei Kennzahlen
- Tipps und Tipster mit der Schlussquote prüfen
- Wo CLV an Grenzen stößt
- CLV in der eigenen Auswertung
- Kurz zusammengefasst
- Häufige Fragen
Wer Sportwetten ernsthaft auswertet, steht vor einem Problem: Das Ergebnis einer einzelnen Wette sagt fast nichts darüber aus, ob die Entscheidung richtig war. Eine Wette auf einen Außenseiter kann klug gewesen sein und trotzdem verlieren. Erst über sehr viele Wetten setzt sich ein echter Vorteil gegen den Zufall durch.
Der Closing Line Value, kurz CLV, ist eine Abkürzung zu dieser Erkenntnis. Er vergleicht die Quote, die Sie bekommen haben, mit dem Preis, den der Markt kurz vor dem Anpfiff festgelegt hat. Dieser Beitrag erklärt den Begriff, zeigt die Rechnung an einem Beispiel und nennt die Stellen, an denen die Kennzahl irreführen kann.
Was die Schlussquote ist
Die Schlussquote, englisch Closing Line oder Closing Odds, ist die letzte Quote, die ein Anbieter vor Beginn eines Ereignisses für einen Ausgang anbietet. Kaunitz, Zhong und Kreiner definieren sie in ihrer Studie von 2017 als die Quote zum Spielbeginn. Danach ändert sich der Preis im Vormarkt nicht mehr; bei Live-Wetten beginnt ein neuer, eigener Markt.
Zwischen Eröffnung und Anpfiff bewegt sich eine Quote. Neue Informationen wie Aufstellungen, Verletzungen oder Wetter fließen ein, ebenso das Geld der Kunden. Eine Quote, die von 2,20 auf 2,00 fällt, zeigt: Der Markt hält den Ausgang inzwischen für wahrscheinlicher als zum Zeitpunkt Ihrer Wette.
Warum die Schlussquote als effizientester Preis gilt
Die Schlussquote ist der Preis, in den die meisten Informationen eingeflossen sind. Dass sie die tatsächlichen Wahrscheinlichkeiten sehr gut abbildet, ist empirisch gut belegt. Kaunitz und Koautoren werteten Schlussquoten von 32 Buchmachern für 479.440 Spiele aus 818 Ligen von Januar 2005 bis Juni 2015 aus. Sie bildeten aus den Quoten aller Anbieter eine Konsenswahrscheinlichkeit und verglichen sie mit den tatsächlichen Ergebnissen.
Die lineare Regression ergab ein Bestimmtheitsmaß von 0,999 für Heimsiege, 0,995 für Unentschieden und 0,998 für Auswärtssiege. Die Steigungen lagen bei 1,003, 1,081 und 1,012, also sehr nahe an eins. Die Autoren folgern, die Konsenswahrscheinlichkeit sei bis auf einen konstanten Abschlag ein äußerst genauer Näherungswert für die tatsächliche Wahrscheinlichkeit.
Eine Masterarbeit von Ketil Albertsen an der Copenhagen Business School kam 2017 zu dem Schluss, dass Schlussquoten korrekter sind als Eröffnungsquoten. Joseph Buchdahl zeigt in seiner Abhandlung „Wisdom of the Crowd“ an 52.411 Quoten einer Wettbörse aus den Jahren 2004 und 2005 eine Korrelation von 0,995 zwischen impliziten und tatsächlichen Wahrscheinlichkeiten. Der Markt als Ganzes schätzt also besser als fast jeder Einzelne.
So berechnen Sie den Closing Line Value
Die Grundformel lautet: CLV = genommene Quote / faire Schlussquote − 1. Fair bedeutet hier: ohne die Marge des Buchmachers. Wie man die Marge entfernt, erklärt der Artikel Faire Quoten: Marge herausrechnen. Buchdahl formuliert es so: Das Verhältnis der gewetteten Quote zur Schlussquote eines effizienten Marktes ist ein guter Schätzer für den Erwartungswert.
Ein Rechenbeispiel mit erfundenen Zahlen: Sie wetten am Dienstag 10 Euro auf einen Heimsieg zur Quote 2,20. Kurz vor Anpfiff am Samstag steht der Markt bei 2,00 für den Heimsieg, 3,60 für das Unentschieden und 3,90 für den Auswärtssieg.
- Buchsumme: 1/2,00 + 1/3,60 + 1/3,90 = 103,42 Prozent, die Marge beträgt also 3,42 Prozent.
- Faire Schlussquote für den Heimsieg (proportionale Methode): 2,00 · 1,0342 = 2,07.
- CLV: 2,20 / 2,07 − 1 = +6,36 Prozent.
- Erwarteter Wert der Wette: 10 Euro · 6,36 Prozent = rund 0,64 Euro vor Steuer.
Ohne Margenbereinigung käme man auf 2,20 / 2,00 − 1 = +10 Prozent und würde den eigenen Vorteil deutlich überschätzen. Buchdahl rechnet ein ähnliches Beispiel: Wer 1,80 nimmt, während die Quote bei 1,65 schließt, hat bei 3 Prozent Marge einen erwarteten Vorteil von 1,80 / 1,65 / 1,03 − 1, also rund 5,9 Prozent.
Warum CLV mehr aussagt als kurzfristiger Gewinn
Buchdahl hat den Zusammenhang 2016 mit vier Spielzeiten Schlussquoten ab 2012/13 geprüft, insgesamt 87.960 Quotenpaare. Für jedes Paar berechnete er das Verhältnis einer früheren Quote zur Schlussquote und verglich diese erwartete Rendite mit der tatsächlich erzielten. Die Steigung der Beziehung lag nach seinen Angaben fast genau bei 1,00. Die erwarteten Renditen lagen nur deshalb einige Prozent über den beobachteten, weil die Marge nicht abgezogen war.
Das Ergebnis einer Wettserie dagegen schwankt stark. Wie stark, zeigt eine eigene Überschlagsrechnung für Wetten zur Quote 2,00 mit einer echten Trefferchance von 50 Prozent. Die Standardabweichung des Gewinns beträgt dort einen Einsatz je Wette; über n Wetten schrumpft die Streuung der Rendite mit der Wurzel aus n.
| Anzahl Wetten (Quote 2,00, Beispiel) | Typische Schwankung der Rendite | Wahrscheinlichkeit eines Verlusts trotz +5 % Erwartungswert |
|---|---|---|
| 100 | ± 10,0 Prozentpunkte | rund 32 % |
| 500 | ± 4,5 Prozentpunkte | rund 14 % |
| 1.000 | ± 3,2 Prozentpunkte | rund 7 % |
| 2.000 | ± 2,2 Prozentpunkte | rund 2 % |
Die rechte Spalte gilt für Wetten zur Quote 2,10 bei einer fairen Quote von 2,00 und beruht auf einer Normalverteilungsnäherung. Selbst nach 500 Wetten mit echtem Vorteil steht also etwa jede siebte Serie im Minus. Buchdahl kommt in einem Beitrag von 2013 zu einer ähnlichen Größenordnung: Für eine Rendite von 10 Prozent bei Quoten um 2,00 seien etwa 540 Wetten nötig, bevor man Zufall als Erklärung weitgehend ausschließen kann. Mehr zur Auswertung eines Wettbuchs steht im Artikel ROI und Yield im Wettbuch.
Beispiel: fünf Wetten, zwei Kennzahlen
Die folgende Tabelle zeigt eine erfundene Serie mit je 10 Euro Einsatz. Für die faire Schlussquote wird vereinfacht eine Marge von 4 Prozent in jedem Markt angenommen.
| Genommene Quote | Schlussquote | CLV | Ausgang | Gewinn/Verlust |
|---|---|---|---|---|
| 2,20 | 2,00 | +5,8 % | gewonnen | +12,00 € |
| 1,95 | 1,90 | −1,3 % | verloren | −10,00 € |
| 3,40 | 3,10 | +5,5 % | verloren | −10,00 € |
| 2,05 | 2,10 | −6,1 % | gewonnen | +10,50 € |
| 4,50 | 4,00 | +8,2 % | verloren | −10,00 € |
Die Serie endet mit −7,50 Euro, der durchschnittliche CLV liegt aber bei +2,4 Prozent. Drei von fünf Wetten wurden zu besseren Preisen platziert, als der Markt am Ende für fair hielt. Das Kontoergebnis spiegelt hier nur den Zufall von fünf Spielen wider; der CLV beschreibt die Qualität der Preise.
Tipps und Tipster mit der Schlussquote prüfen
Buchdahl nutzt CLV auch, um Tippgeber zu bewerten. In einer Fallstudie fielen bei einem Tipster 23 von 26 empfohlenen Quoten bis zum Anpfiff, nur 3 stiegen. Bei bloßem Raten wäre ein Verhältnis um 50 zu 50 zu erwarten. Bei einem anderen Tippgeber stand eine historische Rendite von 25 Prozent aus fast 300 Tipps einem CLV nahe null gegenüber. Buchdahl wertet das als Warnsignal, dass die Rendite auf Glück beruht und zum Mittelwert zurückkehren dürfte.
Wer selbst wettet, kann dieselbe Probe machen: Notieren Sie zu jeder Wette die Schlussquote. Fällt die Quote nach Ihrer Wette in der Mehrheit der Fälle, ist das ein Hinweis, dass Sie Informationen früher als der Markt einpreisen.
Wo CLV an Grenzen stößt
- Nicht jeder Markt ist effizient. Albertsen fand eine Favorit-Außenseiter-Verzerrung bei Heimsiegen und Hinweise auf halbstrenge Ineffizienz. In kleinen Ligen und Nebenmärkten mit wenig Umsatz ist die Schlussquote ein schwächerer Maßstab.
- Der Bezugsmarkt entscheidet. Buchdahl verwendet die Schlussquote eines Anbieters mit niedriger Marge. Je größer die Marge, desto unzuverlässiger wird die Schätzung der fairen Quote.
- Die Methode der Margenbereinigung verändert vor allem bei Außenseitern den Wert.
- Die Steuer fehlt in der Rechnung. In Deutschland beträgt die Sportwettensteuer nach § 18 Rennwett- und Lotteriegesetz 5,3 Prozent der Bemessungsgrundlage nach § 17. Ein CLV von wenigen Prozent kann dadurch vollständig aufgezehrt werden.
- Limits. Kaunitz und Koautoren berichten, dass Buchmacher ihre Konten einige Monate nach Beginn der Echtgeldwetten stark einschränkten. Ein hoher CLV nützt wenig, wenn der Preis nicht mehr in nennenswerter Höhe verfügbar ist.
- Kleine Stichproben. Auch CLV streut. Einige Dutzend Wetten liefern einen Hinweis, keinen Beweis.
CLV in der eigenen Auswertung
Für ein aussagekräftiges Protokoll genügen wenige zusätzliche Spalten: Zeitpunkt der Wette, genommene Quote, Schlussquote desselben Ausgangs und die Schlussquoten der übrigen Ausgänge zur Margenbereinigung. Vergleichen Sie immer denselben Markt, also Heimsieg mit Heimsieg und nicht mit einem Handicap. Wo es geht, lohnt sich der Blick auf mehrere Anbieter; mehr dazu unter beste Wettquoten.
CLV ersetzt kein Einsatzkonzept. Wie viel Sie pro Wette riskieren, sollte sich nach Ihrem Budget richten; Grundlagen dazu bietet der Ratgeber Money Management. Wetten sind erst ab 18 Jahren erlaubt, und Verluste gehören auch bei positivem CLV zum Alltag.
Kurz zusammengefasst
Die Schlussquote ist der Preis, der die meisten Informationen enthält, und margenbereinigt trifft sie die tatsächlichen Häufigkeiten sehr genau. Wer regelmäßig bessere Quoten bekommt, als der Markt zum Anpfiff für fair hält, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit einen echten Vorteil, auch wenn der Kontostand das noch nicht zeigt. Umgekehrt ist ein Gewinn ohne positiven CLV meist Glück. Die Kennzahl ist ein Indikator, der mit der Wahl des Bezugsmarkts, der Margenmethode und der Steuer steht und fällt.
Häufige Fragen
Was bedeutet Closing Line Value?
CLV misst, um wie viel die von Ihnen genommene Quote über oder unter der margenbereinigten Schlussquote liegt. Ein positiver Wert bedeutet, dass Sie einen besseren Preis bekommen haben, als der Markt zum Anpfiff für fair hielt.
Wie berechne ich CLV?
Teilen Sie die genommene Quote durch die faire Schlussquote und ziehen Sie eins ab. Die faire Schlussquote erhalten Sie, indem Sie die Marge aus allen Schlussquoten des Marktes herausrechnen, siehe Marge herausrechnen.
Garantiert ein positiver CLV Gewinne?
Nein. Er zeigt einen erwarteten Vorteil, das tatsächliche Ergebnis schwankt dennoch stark. Hinzu kommen Steuer und mögliche Einsatzlimits.
Gibt es bei Live-Wetten eine Schlussquote?
Nicht im üblichen Sinn. Der Begriff bezieht sich auf den letzten Vormarktpreis vor Spielbeginn; Live-Märkte bilden danach eigene, sich ständig ändernde Preise.
Quellen
- Kaunitz, Zhong, Kreiner: Beating the bookies with their own numbers – and how the online sports betting market is rigged (arXiv, 2017)
- Joseph Buchdahl: Using Pinnacle.com's Closing Line to Predict Profits (football-data.co.uk, 2016)
- Joseph Buchdahl: Analysing Tipsters – Testing Tipsters Against Closing Odds (football-data.co.uk)
- Luck Versus Skill in Sports Betting: Analysing a Betting Record (football-data.co.uk, 2013)
- Joseph Buchdahl: Using the Wisdom of the Crowd to Find Value in a Football Match Betting Market (2017)
- Ketil Albertsen: Efficiency of the Football Betting Market (Masterarbeit, Copenhagen Business School, 2017)
- Rennwett- und Lotteriegesetz, § 17 Bemessungsgrundlage (buzer.de)
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